Fälle

Die hier angeführten Schilderungen tschetschenischer Flüchtlingsschicksale sind Briefen der DKG an die Zentralen Aufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber, an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, an Ausländerbehörden und Rechtsanwälte entnommen. Namen und Heimatorte wurden anonymisiert.

Fall 1

Achmed ist von Beruf Elektroschweißer und Kraftfahrer. Bis zum Ausbruch des 1. Tschetschenienkrieg arbeitete er als Bewacher ziviler Objekte. Von 1994 bis 1996 kämpfte er unter dem Kommando von Daut Achmadov an der Südwestfront. Sein Bruder fiel 1995.

1996, nach dem ersten Tschetschenienkrieg, arbeitete er als Kraftfahrer und heiratete. Von 1997 bis 2004 wurden drei Kinder geboren. Die Familie erlebte ab Herbst 1999 die Bombardierung der Stadt Grozny und im Februar 2000 den Einzug der russischen Truppen.

Im Sommer 2000 wurde Achmed verhaftet, bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen und nach ein paar Tagen freigekauft. Seitdem versteckte er sich in Grozny und Umgebung bei Verwandten und Freunden und zeigte sich nur für ca. 2 Tage im Monat bei der Familie. Eine Flucht nach Inguschetien erschien ihm aussichtslos und zu gefährlich.

Im März 2003 wurde er an einem Blockposten erneut verhaftet und befand sich vier Monate im Filtrationspunkt „Saljonnyje balki“ im Bezirk Starypromyslovski von Grozny. Mit einem Zellophansack über dem Kopf, der mit Isolierband festgezogen war, so dass er kaum atmen konnte, wurde er wochenlang geschlagen, mit Strom gefoltert und in unbequemen Lage gefesselt gehalten. Tagelang saß er mit dem Zellophansack über dem Kopf im Dunklen. Nach den so genannten Verhören, d. h. Folterungen, wurde er in ein tiefes Loch im Keller des Gebäudes herabgelassen. Dabei wurde ein Eisenhaken an einem Seil unter die gebundenen Hände gehängt. Auf diese Weise wurde er auch zu den Verhören hochgezogen. Im Juni 2003 wurde er für 4.000 Dollar und 2 MG-s Kalaschnikov von Verwandten freigekauft.

Wieder lebte er an verschieden Orten versteckt und zeigte sich selten zuhause. Als er sich im Juni 2004 mit seinem Bruder zuhause traf, überfiel eine Militäreinheit das Haus. Offensichtlich waren sie verraten worden. Ihnen gelang die Flucht durch das Nachbargrundstück. Das Haus wurde durchsucht, alle Papiere, Pässe und Fotos mitgenommen. Die Frau, ohne Rücksicht auf die Kinder und das drei Monate alte Baby, gedemütigt, geschlagen und mitgenommen. Sie wurde vier Tage lang gequält, um den Aufenthaltsort ihres Mannes zu verraten. Ihr wurde angedroht, ihre Kinder zu erschießen, die sich angeblich im Nebenraum befänden. Der Familie und allen Verwandten gelang es, sie für 1.500 Dollar freizukaufen.

Die Familie beschloss die Flucht und brach am 4. 11. 2004 Richtung Europa auf. Freunde und Verwandte halfen ihnen und setzten sie nach Autofahrten und tagelangen Fußmärschen in der Ukraine in einen LKW, der sie bis Berlin brachte.

 

Fall 2 Von Tschernokossovo in den Abschiebegewahrsam Köpenick

Beslan wirkt verängstigt und kann sich nur langsam und mit Mühe erinnern. Das Nachziehen seines rechten Beines rührt von Splittern einer Mine, die ihn in Ober- und Unterschenkel trafen. Sein Vater wurde schwer verletzt, als zwei russische Schützenpanzerwagen sein Auto absichtlich von der Straße drängten.

Beslan lebte mit seinen Eltern und Geschwistern in Argun. Im Februar 2001, da war er 17 Jahre alt, wurde er morgends 8 Uhr mit seinem Bruder, einem Cousin und einem Freund, der bei ihnen übernachtet hatte, von russischen Soldaten festgenommen und in das berüchtigte Filtrationslager Tschernokossovo gebracht. Dort wurden sie täglich geschlagen, mit Elektroschocks gefoltert und gequält. Der Cousin wurde vor ihren Augen erschossen, Beslan und sein Bruder in eine tiefe Grube geworfen. Nach ca. einem Monat wurden sie von Verwandten und Freunden für 7.000 Dollar freigekauft. Der Vater hatte dafür allen Besitz der Familie verkauft, u. a. allen Grundbesitz und den LKW.

Weil immer wieder von den russischen Soldaten nach ihnen gefragt wurde, lebten die beiden Brüder zwei Jahre lang versteckt an verschiedenen Orten. Als sich 2003 unter der Kadyrov-Administration die Gefahr einer erneuten Verhaftung verschärfte, beschlossen die Familie ihre Flucht. Fluchthelfer brachten sie in verschlossenen Fahrzeugen Richtung Deutschland. Unterwegs blieb der ältere Bruder zurück, weil das Geld nicht reichte. Beslan wurde in Berlin am Ostbahnhof abgesetzt. Weil er keinen Polizisten fand, wandte er sich an zwei Zivilisten mit der Bitte, ihm zu helfen, Asyl zu beantragen. Die Zivilisten erwiesen sich als Beamte, riefen einen Streifenwagen. Beslan wurden Handschellen angelegt, weil er sich nur mit einer Geburtsurkunde ausweisen konnte, und zu einer Polizeistation gefahren.

Am nächsten Morgen wurde er in den Abschiebegewahrsam Köpenick gebracht und die von der Ausländerbehörde beantragte Haft zur Sicherung der Abschiebung angeordnet. Am 12. 09. 2003 stellte er einen Asylantrag. Als er wenige Tage später zu dem eigenen Elend telefonisch vom Tod seiner Mutter erfuhr, war er so verzweifelt, dass er die Rücknahme seines Asylantrags unterschrieb. Seine Mutter war am 15. 09. auf der Rückfahrt vom Markt in Grosny nach Gudermes ums Leben gekommen, als der Bus plötzlich beschossen wurde. Beslans Widerruf der im Affekt geleisteten Unterschrift fand kein Gehör, auch nicht über einen Anwalt, der inzwischen eingeschaltet worden war.

Beslan berichtet stockend, halb russisch, halb tschetschenisch, und wird „untschetschenisch“ von Weinen geschüttelt. Immer wieder träume er davon, wie sie in Tschernokossowo gefoltert wurden und sein Cousin vor ihren Augen gequält und erschossen wurde. Die Haft in Deutschland hat seinen Zustand verschlimmert. Er wirkt verwirrt, kann sich an Vieles nicht erinnern. Mithäftlinge hatten dem Gefängnispfarrer berichtet, dass er hin und wieder temporäre Bewusstseinsausfalle habe und er in der Zelle stünde, als wolle er gleich umfallen.

Wir bitten untersuchen zu lassen, warum Berliner Behörden einem offenkundig Asylsuchenden Abschiebehaft verordnen und das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge „keine Abschiebehindernisse“ bescheinigt, ohne dass überhaupt die Gründe für den Asylantrag angehört wurden. Wir bitten, die viermonatige Haft eines Unschuldigen zu beenden und eine Abschiebung zu verhindern, die möglicher Weise den jungen Mann einer tödlichen Gefahr aussetzen würde.

Wir sind davon überzeugt, dass Beslan in hohem Maße traumatisiert ist und er bei einer Rückkehr in die Russische Föderation erneut von Verhaftung und Folter bedroht ist. Denn wer einmal gefasst war, kommt in der Regel nicht davon. Wir bitten für die Prüfung des Asylverfahrens von Beslan einen juristischen Ausweg zu finden.

(Obwohl die Abschiebung von Innensenator Körting angeblich bereits unterschrieben war, wurde Beslan Mitte Januar 2004 aus der Haft entlassen; inzwischen ist er als Flüchtling in Deutschland anerkannt).

 

Fall 3

Daut ist ein Kind der Tschetschenienkriege. Sein Vater starb 1993, seine Mutter am 31. 12. 1994 beim Sturmangriff auf Grozny. R. M., seine Nachbarin, die während des 1. Krieges die humanitäre Organisation „Weißes Tuch“ leitete, kümmerte sich um ihn und steckte ihn nach dem ersten Krieg in die so genannte „Kommandantskaja Rota“, eine militärische Sondereinheit, die Maschadov unterstellt war.

Im zweiten Tschetschenienkrieg, am 1. 02. 2000, verließ er mit der tschetschenischen Regierung die Stadt Grozny und erlebte den Marsch über das Minenfeld, bei welchem Hunderte Kämpfer fielen. Im Dezember 2001 bekam er Blutstürze und wurde für ca. 4 Monate nach Baku gebracht. Im April 2002 schloss er sich dem Feldkommandeur Ruslan Gelaev an und kehrte mit ihm in einem langen Marsch durch Georgien nach Tschetschenien zurück.

Wenige Tage nach der Ankunft bei seiner Großmutter in Grozny wurde er verhaftet und im berüchtigten Lager Tschernokossovo bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen und mit Strom gefoltert. Ihm wurden Handschuhe übergezogen, an deren Fingerspitzen sich die Stromdioden befanden. Obwohl das mehrere Jahre her ist, ist er kaum in der Lage, darüber zu sprechen. Nach ca. 10 Tagen wurde er halbtot freigekauft. Sein Onkel und zwei Nachbarn unterschrieben für ihn eine Garantieerklärung.

Weil die Gefahr einer erneuten Verhaftung groß war, floh er im Oktober über die Türkei nach Deutschland, wo er im Flughafen Frankfurt/M. Asyl erklärte. Als er erfuhr, dass sein Onkel seinetwegen verhaftet worden war, fühlte er sich verpflichtet, zurück zu kehren. Er stornierte das Asylverfahren und ließ sich, weil Russland zu gefährlich war, nach Weißrussland ausfliegen. Während er dort auf einen auf einen anderen Namen ausgestellten Pass wartete, wurde sein Onkel in Tschernokossovo bereits zu Tode gefoltert.

Nach der spektakulären Auslieferung ehemaliger tschetschenischer Kämpfer von Weißrussland nach Russland, unter ihnen Aslan Bitiev, der daraufhin getötet wurde, floh er erneut nach Deutschland.

 

Fall 4

Selimkhan wurde 1984 geboren. Mit zehn Jahren erlebte er die Bombenangriffe auf Grozny und danach auf das Heimatdorf der Familie und floh mit seiner Mutter in die Nachbarrepublik Inguschetien. 1996 kehrten sie nach Grozny zurück.

Mit fünfzehn erlebte er, wie nur wenige Hundert Meter von ihm entfernt eine russische Boden-Boden-Rakete in den belebten Markt von Grozny einschlug (29.10.1999). Durch die Explosion wurden 160 Menschen sofort getötet, Hunderte schwer verwundet. Selimkhan sah Menschen mit abgerissenen Köpfen und Gliedern, hörte das Stöhnen und Schreien der Sterbenden. Wenige Wochen später erlebte er die schweren Bombenangriffe auf die Stadt und die Blockade.

Am 1. Februar 2000 verließ er mit der tschetschenischen Regierung und den Regierungstruppen Grozny. Beim Überqueren eines Minenfeldes wurden 400 Menschen getötet, Hunderte verwundet. Über Alchan-Kala (Jermolovka), Sakan-Yurt und Shami-Yurt gelangten sie in ihr Heimatdorf.

Als sich Anfang März eine größere tschetschenische Militäreinheit unter dem Feldkommandeur Ruslan Gelaev wegen heftiger Angriffe in ihr Heimatdorf. zurückziehen musste, wurde das Dorf militärisch abgeriegelt, ca. 5.000 Bewohner und Flüchtlinge, unter ihnen Selimkhan und seine Familie, auf ein freies Schneefeld getrieben. Sie dienten für die Angreifer als Schutzschild. Während sie auf der Erde lagen, wurde das Dorf über ihre Köpfe hinweg mit schwerer Artillerie, u. a. mit Grad-Raketen, in Schutt und Asche geschossen. Vier Tage lang hungerten und froren sie auf diesem Feld und mussten zusehen, wie junge Männer gequält und erschossen wurden. Danach half Selimkhan ca. 1.000 gefallenen Kämpfer zu beerdigen. Das Dorf war völlig zerstört. Was noch irgendwie verwertbar war, Teppiche, Möbel, elektronische Geräte, wurde von den Russen abtransportiert. Dann wurde das Dorf einschließlich des Friedhofes planiert.

Die Einwohner des Dorfes waren nach Urus-Martan geflohen. Nach ca. einem Monat Aufenthalt in Alcharsurovo wurde Selimkhan zu seinem Onkel nach Inguschetien gebracht.

Hier wurde er am 15. Mai 2000 bei einer Säuberung mit seinem Cousin festgenommen und wegen einer Musikkassette mit Liedern Timur Muzuraevs verhört und geschlagen. Am nächsten Tag konnte sie der Vater des Cousins für 1.000 Rubel freikaufen.

Selimkhan ging zu seinem Vater in die Berge und lebte bis Ende November bei den Partisanen. Den Winter verbrachte er bei seinem Onkel in Inguschetien. Im Frühjahr 2001 ging er wieder zu seinem Vater in die Berge und blieb dort, bis sein Vater erkrankte. Kaum waren sie nach Inguschetien zurückgekehrt, wurde Selimkhan am 11. Oktober erkannt und verhaftet. Ihm wurden Waffen untergeschoben, die ihm nicht gehörten. Mit einer Zellophantüte über dem Kopf wurde er bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen, getreten und Tage lang in unbequemen Haltungen gefesselt, bis er in das Gefängnis „Belaja Lebed“ in Pjatigorsk kam. Die Verwandten sammelten Geld und kauften ihn für 2.000 Dollar frei.

Nach seiner Freilassung Mitte Dezember besorgte ihm sein Onkel einen auf einen anderen Namen ausgestellten Pass. Weil die Säuberungen in Inguschetien zunahmen, ging Selimkhan im Frühjahr 2002 wieder in die Berge. Zwei Monate hielt sich Präsident Maschadov bei ihrer Einheit auf.

Im Sommer 2003 geriet ihre Einheit bei Bamut in einen Hinterhalt. Der Kommandeur, der sich um Selimkhan wie um einen Sohn gekümmert hatte, wurde getötet. Weil er den Winter wieder in Inguschetien verbringen musste, spitzte sich seine Lage immer mehr zu. Bei seinen Verwandten wurde nach ihm gefragt.

Nach dem Anschlag inguschetischer und tschetschenischer Kämpfer auf das Innenministerium, die Staatsanwaltschaft und das FSB-Gebäude in Nazran/Inguschetien wurde Selimkhan am 16. Juli 2004 von maskierten Tschetschenen (Kadyrovzy) auf dem Markt von Grozny verhaftet, doch zu seinem Glück nicht erkannt. Er wurde gequält und sollte unterschreiben, dass er an Anschlägen auf russische Blockposten beteiligt war. Selimkhan lehnte alles ab und wurde schließlich nach vier Tagen aus einem Jeep auf die Straße geworfen.

Er versteckte sich bei verschiedenen Verwandten. Als immer häufiger nach ihm gefragt wurde, beschloss er die Flucht nach Deutschland. In Naltschik fand er eine Firma, die ihn in einem geschlossenen LKW nach Berlin brachte.

 

Fall 5 Rechtsstaat für Asylanten?

Am 10. Juli 2002, gegen 22 Uhr, wandte sich Aslan mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach tagelanger Flucht auf einem Berliner Bahnhof an Beamte des BGS und bat um Asyl. Aslan (34) ist Tschetschene und stammt aus einem Dorf an der dagestanisch-tschetschenischen Grenze, welches früher zu Tschetschenien gehörte. Nach dreimaligem Freikauf aus den berüchtigten Erdlöchern der russischen Filtrationslager entschloss er sich zur Flucht. Sein Besitz ist verloren, ihm und seiner Familie ist nichts geblieben als die Hoffnung auf den Rechtsstaat Deutschland.

Die Beamten des BGS lieferten sie bei der Polizeidirektion 2 ab, zuständig für die Gefangenensammelstelle (GeSa). Von dort kamen sie in den Abschiebegewahrsam Köpenick. Die Familie, durch die lange Flucht besonders eng miteinander verbunden, wurde auseinander gerissen, die Eltern verhört, die Kinder (12 und 10 Jahre) in die Erstaufnahmeeinrichtung für unbegleitete ausländische jugendliche Flüchtlinge in das Clearingcenter Pankow gefahren.

Am nächsten Tag wurde Aslan von dem zuständigen Haftrichter wegen illegalem Grenzübertritt zu drei Monaten Haft verurteilt. Fünf Tage lang erfuhr er nicht, wo sich seine Frau und seine Kinder befinden. Die Mutter durfte gegen 13 Uhr in Begleitung von Beamten ihre Kinder abholen und wurde dazu gedrungen, ohne ihren Mann Asyl zu beantragen. Wenig später saß sie im Zug nach Bayern und landete im Aufnahmelager Zürndorf bei Nürnberg. Tagelang hatte sie keinen Kontakt zu ihrem Mann.

 

Fall 6

Umar und seine Ehefrau Aisan stammen aus einem Dorf im Süden Tschetscheniens. Der Vater Aisans ist ein bekannter tschetschenischer Kommandeur. Deshalb gab es immer Probleme mit dem russischen Militär. Doch die Besatzung wurde alle drei Monate ausgewechselt. Schlimm wurde es erst in diesem Jahr. Das erste Mal wurde Aisan im Januar 2004 verhaftet und einen Tag lang geschlagen, gedemütigt und nach dem Aufenthalt ihres Vaters befragt.

Im Februar wurden die Familie absichtlich von einem Militär - LKW Ural überfahren, als sie im Auto am Straßenrand hielten, um die Kolonne vorbei zu lassen. Die zweijährige Tochter erhielt eine schwere Kopfverletzung. Die Ärzte lehnten die Behandlung ab aus Angst, Ärger mit dem russischen Militär zu bekommen.

Am 25. April 2004 wurde Umar im Morgengrauen verhaftet. Er wurde geschlagen und gequält und dann am Rande des russischen Militärstützpunktes BESLAN in eine tiefe Abfallgrube geworfen, in der er 39 Tage verbrachte. Die Grube diente als Abort und Müllgrube. Einzige Nahrung waren die Küchenabfälle. Die Familie suchte lange nach ihm. Die Suche ist schwer und teuer, weil in Tschetschenien verschiedene Einheiten stationiert sind: die Föderalen Stzreitkräfte, Truppen des Innenministeriums (Omon), des russischen Geheimdienstes (FSB), der militärischen Aufklärung (GRU), der tschetschenischen Milizen (Kadyrovzy) usw. Schließlich wurde er von Bewohnern gefunden und für 3.000 Dollar frei gekauft. Er versteckte sich seit dieser Zeit bei Verwandten in den Bergen.

Aisan wurde im September 2004 erneut verhaftet und eine Woche lang fest gehalten. Sie wurde geschlagen und gequält. Ihr wurde angedroht, man werde sie solange foltern, bis ihr Vater sie einlösen wird. Schließlich gelang es den Ältesten des Dorfes, sie für 2.000 Dollar frei zu bekommen. Sie floh zu ihrem Mann in die Berge. Dort sammelten sie Mittel für die Flucht und flohen nach Dagestan. Von dort brachen sie nach Deutschland auf.

 

Fall 7

Die Geschwister Said-Magomed, Said-Selim und Leila aus Grozny unterstützten seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges den tschetschenischen Widerstand. Ihr Vater war ein enger Vertrauter des ersten tschetschenischen Präsidenten Dshochar Dudaev. Als die russischen Einheiten ihn 1995 in dem Haus der Familie in Grozny vergeblich suchten, trieben sie die Bewohne ins Haus und zündeten es an. Dank ihrer Tante wurden die drei Kinder gerettet. Besonders die Schwester Leila hatte furchtbare Brandverletzungen, ist seitdem psychisch gestört und bedarf dringend einer Behandlung

Vater Jaragi und Bruder Aslan Solumov kämpften seit 1999 in den Einheiten Ruslan Gelaevs an der Südwestfront, wurden Anfang 2001 verwundet. Die Geschwister haben seit dem keine Nachricht über sie und wissen nicht, ob sie noch leben oder nicht.

Die Geschwister hielten sich im Sommer in den Bergen auf, im Winter in Grozny oder in Dörfern, in denen Verwandte von ihnen lebten. Für die russische Seite galten alle Mitglieder der Familie als „Terroristern“, ihre Namen befinden sich auf einer entsprechenden Liste, die ihnen bei der Verhaftung gezeigt wurde.

Am 15. Dezember 2001 wurden die Brüder Said-Magomed und Said-Selim in Novy-Atagi von russischen Soldaten festgenommen und in ein dreigeschossiges Haus gebracht. Dort wurden sie bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen und mit Strom gefoltert. In den Pausen wurde sie in eine Grube mit schmutzigem Wasser geworfen. Sie weigerten sich, ein Schuldgeständnis zu unterschreiben, dass sie an Anschlägen auf russische Militärposten beteiligt waren. Nach zwei Wochen wurden sie freigekauft. Nach dem sie sich bei Bekannten etwas erholt hatten, flohen sie in die Berge. Im Winter hielten sie sich in Inguschetien auf.

Als nach der Einsetzung von Murad Sjasikov in Inguschetien und Achmed Kadyrov in Tschetschenien sich die Säuberungen auf Inguschetien und die Flüchtlingslager auszudehnen begannen, wurde es für die Geschwister immer gefährlicher. Nach dem Terroranschlag in Beslan gab es kaum noch eine Möglichkeit, sich zu verstecken. Sie sammelten Geld und brachen im März 2005 auf, die Flucht hatten Freunde des Vaters organisiert.

 

Fall 8

Am 14. März 2003 beschloss ich meine Mutter und meine Tochter zu besuchen, um meine Tochter abzuholen, weil sie gefährdet war, sie lebten in Argun. Irgendjemand hatte dem FSB (Föderaler Sicherheitsdienst) verraten, dass ich mich dort befand. Am 15. März 2003, gegen 13 Uhr, kam die Nachbarin, deren Sohn bei den Russen arbeitete, und warnte mich, dass der FSB nach mir losgefahren sei. Ich nahm eilig meine Sachen und floh mit meiner Tochter durch den Garten zu Verwandten in einer anderen Straße. Doch wir kamen nur bis zum Tor, als auf uns geschossen wurde. Eine Kugel traf das Bein meiner Tochter. Ich packte sie und rannte weiter. Die Nachbarn und Vorübergehenden versperrten den Militärs den Weg und es gelang uns zu entkommen. Ein Mann nahm uns auf und brachte uns zu sich nach Hause. Doch es war zu gefährlich, sich an ein Krankenhaus zu wenden. Wir verloren 7 Stunden. Bei der Tochter begann Gangräne. Ich war gezwungen zu riskieren, einen Arzt ins Haus zu rufen. Er erklärte, dass das Bein sofort amputiert werden müsse. Mit seiner Hilfe brachten wir die Tochter in der Nacht nach Inguschetien. Dort wurde für Geld und unter einem falschen Namen das Bein amputiert.

Am Morgen des 11. August 2004 fuhr ich nach Grosny. Am 12. August, 7 Uhr, wurde geklopft. Militär drang ein und kontrollierte meine Papiere und die Ausweise meiner Mutter. Ich hatte Angst gehabt, meine Tochter im Hause zu behalten und hatte sie zu Verwandten aufs Dorf geschickt. D. h. immer wieder suchten sie nach ihr, um sie als Geisel zu nehmen. Ich wurde aufgefordert, mit ihnen mit zu gehen. Unterwegs beleidigten sie mich, begannen mich zu schlagen und setzten die Beleidigungen fort. Sie fuhren über ein Feld in einen Waldstreifen. Sie schlugen mich und verlangten von mir, mich auszuziehen. Der Kräftigste von ihnen vergewaltigte mich, dann auch die anderen, sie waren zu dritt.

Als ich zu mir kam befand ich mich in einem Untersuchungsgefängnis. Am vierten Tag wurde ich auf einem Weg entlassen. Die Mutter sagte mir, dass sie mich für viel Geld frei gekauft habe und ich nicht mehr zuhause bleiben könne. Ich wurde wieder nach Inguschetien gebracht. Dort wartete schon meine Tochter auf mich.

Wir fuhren drei Tage und Nächte mit einem Taxi, dann wartete auf uns ein anderes Auto, wir stiegen um und wurden nach Deutschland gebracht.

 

Fall 9

Issa, geboren 1979, wohnte am Dorfrand, wo die Brücke über den Fluss zum Nachbarort führt. Als der erste Tschetschenienkrieg begann war er 15 Jahre alt. Ihr Haus war meist voller Flüchtlinge oder beherbergte Kämpfer wie den Bruder des ersten tschetschenischen Präsidenten und seine Söhne, und den Feldkommandeur R. N. (1996 gefallen), mit dessen Sohn er sich anfreundete.

1997 heiratete Issa, 1998 wurde sein Sohn geboren, 2000 seine Tochter. Bis zum Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 1999 arbeitete er 5 Monate lang bei einem zivilen Wachschutz in Grosny. Am 29. 10. 1999 erlebte er den Abschuss dreier Boden-Boden-Raketen auf das Zentrum von Grosny. Eine traf das Geburtshaus der Stadt, eine andere den belebten Marktplatz. Issa half bei den Aufräumarbeiten, sah Hunderte Tote, Zerstückelte und Verwundete. Nach diesem Erlebnis kehrte er in sein Dorf zurück.

Er und sein Vater unterstützten jahrelang die Kämpfer mit dem Transport von Waffen und Proviant. Issa hatte engen Kontakt zu den Söhnen des Bruders Dudaevs, die aktiv am Widerstand teilnahmen. Sein Altersgenosse und Freund wurde am 1. Februar 2000 beim Ausbruch der Kämpfer aus Grosny von einer Miene verwundet und zu ihm gebracht, wo er in seinen Armen starb.

Ende September 2003, nachdem die Kämpfer das Dorf verlassen hatten, wurde Issa bei einer Säuberung mitgenommen. In einem Gefängnisis wurde er bis zur Besinnungslosigkeit geschlagen und nach 2 Tagen für 2 MPis, eine Pistole und Geld freigekauft.

Anfang Oktober drangen die Soldaten erneut in den Hof ein, stellten alle Familienmitglieder an die Wand, d. h. ihn, seine Eltern und seine Ehefrau, schlugen auf sie ein und fragten nach dem Aufenthalt der Partisanen und der Wachabiten. Besonders er und sein Vater wurden mit Schlagstöcken und Gewehrkolben heftig geschlagen. Ihm wurde ein Zellophansack über den Kopf gestülpt und angedroht, ihn mit zu nehmen. Seine Mutter warf sich dazwischen und ließ ihn nicht los, obwohl ihr bereits in den Arm geschossen worden war. Als plötzlich nicht weit von ihnen Schüsse ertönten – Partisanen hatten einen Transport überfallen – ließen sie von ihnen ab.

Nachts wurde wegen des Anschlags ihr Dorf 6 Stunden lang mit Artillerie beschossen. Sieben Panzergeschosse trafen ihr Haus, welches fast vollständig zerstört wurde. Issas Sohn erlitt eine schwere Kopfverletzung. Als die Mutter am Abend des nächsten Tages aus dem Krankenhaus zurückkehrte, sagte sie, dass sie diesen Stress nicht aushalte. Es wurde beschlossen, dass Issa fliehen sollte.

Issa floh nach Slepzovsk in Inguschetien, wo er sich ca. 2 Monate im Lager „Sozita“, welches zu diesem Zeitpunkt noch nicht geschlossen war, bei Bekannten versteckte. Weil er nichts über seine Familie und den Zustand seines Sohnes erfahren konnte, fuhr er noch einmal zurück und wurde im Dorf Sakan-Yurt erneut verhaftet, misshandelt und in eine Toilettengrube geworfen, die mindestens 3 Meter tief war.

Täglich wurden er und sein Mitgefangener herausgeholt, auf Kopf und Nieren geschlagen, bis die Soldaten annahmen, dass sie tot seien. Seinem Mitgefangenen waren die Fingernägel ausgerissen worden. Nachts verrichteten die Soldaten ihre Notdurft auf sie und bewarfen sie mit glühenden Zigarettenkippen. Nach einer Woche wurde er von Bauern aus dem Dorf bemerkt und aus der Grube gezogen. Ob der Mitgefangene noch lebte, konnte er vor Schwäche nicht mehr wahrnehmen, seine Augen sahen nichts mehr. Die Dorfbewohner pflegten ihn ca. einen Monat lang.

Als er zur Besinnung kam und erfuhr, wo er sich befand, erinnerte er sich an einen Freund, der unter dem Feldkommandeur Ruslan Gelaev gekämpft hatte. Er wurde zu ihm gebracht und erfuhr er, dass sich seine Frau mit den Kindern auf dem Weg nach Deutschland befinde.

Es gelang ihm nicht, seine Eltern wieder zu sehen. Sein Bruder war bereits verschleppt worden, täglich konnte eine neue Säuberung erfolgen.

Issa floh über Inguschetien und den Nordkaukasus in die Ukraine, wo er ca. eineinhalb Monate blieb, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann brach er nach Deutschland auf, wo er seine Frau und seine Kinder wieder fand. Sein drittes Kind war gerade geboren worden.

Weil sie über Polen nach Deutschland eingereist waren, wurden die Familie, nachdem sie bereits eine Wohnung bezogen, sich eingerichtet und ein halbes Jahr in Deutschland gelebt hatte, nach Polen zurückgeschoben (Dubliner Übereinkommen II).

Sie wurden am frühen Morgen, April 2005, abgeholt. Issa wurden Handschellen angelegt. Er erhielt nicht mehr die Möglichkeit, seine Papiere zu ordnen und wichtige Unterlagen mitzunehmen. Die Eltern wurden getrennt von ihren drei kleinen Kindern zu einer Polizeidienststelle transportiert. Sie konnten sehen, dass ihre Kinder weinten. Issas Frau verlor das Bewusstsein. Ein Notarzt fühlte ihr den Puls und stellte fest, dass ihr nichts fehle und sie transportfähig sei. Sie zitterte am ganzen Körper und war nicht in der Lage aufzustehen.

Danach wurden sie zur Grenze gefahren. Auf der polnischen Seite wurden sie lange befragt Issas Frau legte eine Bescheinigung vor, dass sie in psychologischer Behandlung sei, die jedoch einfach bei Seite geschoben wurde. Auf ihre Bitte um Beruhigungstabletten erhielt sie zur Antwort, dass sie sich nicht in einem Krankenhaus befände. Sie zitterte stark und fror. Danach wurden sie in eine nahe gelegene Haftanstalt gefahren, wo die Familie in einer Haftzelle die Nacht verbringen musste.

Am nächsten Tag brachten Beamte sie zum Bahnhof. Sie müssten nach Warschau fahren und sich dort in einem Flüchtlingslager melden. Obwohl alle ihre Sachen gründlich durchsucht worden waren und die Beamten wussten, dass sie über keine Mittel verfügten, erhielten sie weder Geld, noch eine Fahrkarte. Auf ihre Frage, wie sie denn unter den Umständen nach Warschau kommen sollten, wurde ihnen gesagt, dass das ihr Problem sei. Ihnen blieb keine andere Möglichkeit, als fremde Menschen um Geld zu bitten. Sie hatten Glück und bekamen das Geld für die Fahrkarte zusammen.

Mitten in der Nacht kamen sie in Warschau an. Sie fuhren zu einem Wohnheim in der Ciolka-Straße. Der Wächter wollte sie gegen 0.30 Uhr zunächst nicht reinlassen, doch kamen dann andere Tschetschenen, dank deren Unterstützung sie die Nacht in dem Heim verbringen konnten. Am nächsten Tag, einem Freitag, wurden sie in das ihnen bekannte zentrale Aufnahmelager in Dembak geschickt, wo sie zunächst nur einen Platz auf dem Flur erhalten sollten. Dann bekamen zwar einen Raum, doch waren die Betten ohne frisches Bettzeug. Sie hatten Probleme, überhaupt etwas zu Essen zu bekommen. Letztlich erhielten sie über das Wochenende Essensmarken für drei statt für 5 Personen. Die Behandlung in Dembak haben sie als wesentlich unfreundlicher als bei der ersten Aufnahme empfunden. Auf ihre Bitte nach Essen und besseren Bedingungen sei ihnen gesagt worden, dass sie ja gehen könnten, wenn es ihnen nicht gefalle.

Am Dienstag erhielten sie die Zuweisung in das Lager in Wolomin. Für die Anreise nach Warschau am Mittwoch brauchten sie 2 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie erhielten wie alle Zurückgeschobenen die Entscheidung des URiC, dass ihnen wegen der illegalen Ausreise keine Leistungen mehr zustünden.

Das Lager in Wolomin gehört nach Auskunft von Flüchtlingen und Betreuerinnen zu den schlechteren. Hinzu kommt, dass sich der Direktor der zuständigen Schule in Wolomin weigert, Flüchtlingskinder aufzunehmen. Der sechsjährige Sohn wird daher seinen in Deutschland begonnen Schulbesuch nicht fortsetzen können.