Sergej Adamowitsch Kowaljow

„Sergej Adamowitsch, steht Russland wieder am Rande eines autotitären Regimes?“ – „Am Rande? Mittendrin!“

Sergej Kowaljow wurde am 2. März 1930 in Seredina-Buda, Ukraine geboren. 1932 zog die Familie nach Moskau. 1954 schloss er ein Studium an der Biologischen Fakultät der Staatlichen Universität Moskau ab, promovierte 1964. Bis 1970 forschte er an der Moskauer Universität auf den Gebieten Biologie und Biophysik. Insgesamt veröffentlichte er über 60 wissenschaftliche Arbeiten.

1956 protestierte er mit Freunden auf dem Moskauer Puschkin Platz gegen die sowjetische Intervention in Ungarn. 1962 beteiligte er sich an der Wissenschaftsopposition gegen den stalinistischen Chefbiologen Trofim Lyssenko. 1966 stellte er sich als Zeuge für die Verteidigung im politischen Prozess der russischen Schriftsteller Andrei Sinjawskij und Julij Daniel zur Verfügung. 1968 sammelte er an seinem Institut Unterschriften gegen die Inhaftierung von Dissidenten, die gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in die Tschechoslowakei demonstriert hatten, und trat als Zeuge bei ihren Prozessen auf.

1969 schloss er sich der Initiativ-Gruppe für den Schutz der Menschenrechte in der UdSSR an. 1971 wurde er Mitherausgeber der im Samisdat (Selbstverlag) erscheinenden „Chronik der laufenden Ereignisse“, die vor allem Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion enthielt. 1974 wurde er Mitglied der sowjetischen Sektion von Amnesty International.

Weil er sich mit Andrej Sacharow für die Menschenrechte einsetzte, verlor er seine Arbeit in einem Forschungslabor, wurde 1974 verhaftet und 1975 wegen " antisowjetischer Aktivitäten und Propaganda“ in Vilnius, Litauen, zu sieben Jahren Arbeitslager und anschließender dreijähriger Verbannung in die Stadt Kalinin (Twer) verurteilt.

1987 durften seine Kinder in die USA ausreisen, Kowaljow nach Moskau zurückkehren. Dort bekam er eine Arbeitsstelle am Institut für Probleme des Informationstransfers der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Er gründete gemeinsam mit anderen Menschenrechtlern den Presseclub Glasnost. 1988 wurde er Leiter der Projektgruppe für Menschenrechte der internationalen Stiftung „Für das Überleben und die Entwicklung der Menschheit“.

1989 kandidierte er auf Anregung Sacharows für die russische Menschenrechtsorganisation Memorial erfolgreich für den Obersten Sowjet der Russischen Föderation, war von 1990 bis 1993 Vorsitzender des parlamentarischen Komitees für Menschenrechte, zugleich wurde er Leiter der russischen Delegation bei der UN-Menschenrechtskommission in Genf.

1993 wurde er für das radikaldemokratische Bündnis Wahl Russlands erneut in das russische Parlament gewählt, nahm maßgeblich Einfluss auf den Bürgerrechtskatalog in der russischen Verfassung, die Rechte und Freiheiten der Menschen und der Bürger und wurde erneut Vorsitzender des parlamentarischen Menschenrechtsausschusses.

1993 ernannte ihn Boris Jelzin zum Vorsitzenden der Menschenrechtskommission im Kabinett des Präsidenten. Er ging auf Inspektionsreisen in die sibirischen Straflager, ins tschetschenische Grosny, verfasste Vorlagen zur Humanisierung des russischen Strafvollzugs.

Nach scharfer Kritik an den Kriegsverbrechen der russischen Armee im Ersten Tschetschenienkrieg, entzog ihm das Parlament im März 1995 den Vorsitz des Menschenrechtsausschusses. Im gleichen Jahr trat er aus Protest gegen die Tschetschenienpolitik von seiner Funktion im Kabinett Jelzins zurück und beschuldigte den Präsidenten, für die Eskalation des Konflikts verantwortlich zu sein.

1995 und 1999 wurde er als liberaler Abgeordneter der russischen Duma wiedergewählt. Von 1996 bis 2003 war er Mitglied der russischen Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats.

Seit 1996 ist er Präsident des Menschenrechtsinstituts Russlands. 2000 nahm er am internationalen Gericht in Vilnius teil zur Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus.

Kowaljow ist Mitgründer und Vorstandsmitglied der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Er ist einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des zweiten Tschetschenienkrieges seit 1999.

Kowaljow erhielt den Preis der Internationalen Liga für Menschenrechte und des norwegischen Helsinki-Ausschusses, den Europäischen Menschenrechtspreis des Europarats, den Internationalen Nürnberger Menschenrechtspreis, den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, den Carl-von-Ossietzky-Preis und 2005 den Viktor Gollancz Preis der GfbV; er war Persönlichkeit des Jahres der Tageszeitungen Iswestija (Moskau) und Gazeta Wyborcza (Warschau).

Veröffentlichungen auf russisch oder englisch

In deutscher Sprache: