Scheich Kunta Hadschi
(1830–1867)

Scheich Kunta Hadshi ist ein Gandhi der Tschetschenen und der bekannteste tschetschenische Heilige. Gegen den Ghasawat (Heiligen Krieg) des Imam Schamil predigte er den Frieden und statt Kampf die Rettung der Seele. Seine Lehre von Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und Feindesliebe hat Leo Tolstoi tief beeindruckt.
Kunta-Hadshi ist um 1830 in dem Bergdorf Isti-Su (Meltscha-Chi) geboren. In Ils’chan-Jurt, dem Herzen Tschetscheniens Nochtsch-Mochka, wuchs er auf und begründete den Sufiorden der Qaddirye und die Tradition des Sikr-Tanzes. Als er 1864 von der zaristischen Geheimpolizei verhaftet wurde, zogen Tausende seiner Muriden nach Schali und forderten die Freilassung ihres Lehrers. Obwohl sie, der Lehre ihres Meisters folgend, unbewaffnet waren und weiße Fahnen schwenkten, eröffneten die russischen Truppen das Feuer. Es fielen mehr als 500 Muriden von den Salven der Kanonen und Gewehre. Offenbar war Kunta Hadshi der zaristischen Macht gefährlicher als Imam Shamil. Er starb in den zaristischen Gefängnissen Alexander II., während Schamil als Ehrengefangener des Zaren nach Mekka reisen durfte. Im Folgenden Auszüge aus der Lehre Kunta Hadschis:

1. Wollt Ihr den Allerhöchsten lieben, liebt die Gerechtigkeit. Wünscht eurem Bruder das, was ihr euch selbst wünscht. Wollt nicht reicher, höher oder stärker als andere sein, sondern teilt mit den Armen, was euch der Allerhöchste gibt. Betet, dass ihr nicht habt, was mit fremder Arbeit und fremdem Fleiß erworben wurde.

2. Eure Waffen – sollen eure Wangen sein, nicht Gewehr und Dolch. Gegenüber diesen Waffen sind die Tyrannen machtlos, denn kein Tyrann ist stärker als der Schöpfer. Sterben im Kampf mit einem Feind, der um vieles stärker ist, gleicht Selbstmord. Und Selbstmord ist die allergrößte aller irdischen Sünden...

3. Böses wird besiegt mit Güte und Liebe; Geiz mit Freigebigkeit; Lüge mit Aufrichtigkeit; Unglaube mit Glaube; Seid barmherzig und bescheiden und immer bereit, euch selbst zu opfern...

4. Krieg ist Verwilderung. Haltet euch fern von allem, was mit Krieg zu tun hat, es sei denn, der Feind ist gekommen, um euch Glauben und Ehre zu rauben. Eure Kraft – ist Verstand, Geduld, Gerechtigkeit.

5. Tragt keine Waffen bei euch. Haltet euch fern von ihnen. Waffen erinnern euch an Gewalt und entfernen euch vom Tariqat. Waffengewalt ist nicht zu vergleichen mit der Kraft der menschlichen Seele, die treu auf dem Wege des Tariqats wandelt. Jede Art von Waffen ist Zeichen des Unglaubens daran, dass der Allerhöchste zu Hilfe kommt, wenn es nötig ist. Außerdem ist es Iblisa, der eure Hand zieht zu Kinschal (Dolch) oder Gewehr. Ihr werdet das Opfer des Iblis.

6. Seid nicht boshaft. Tragt nicht Böses im Herzen zwischen den Gebetszeiten. Verzeiht dem Beleidiger, und er wird sich schämen. Wird er das nicht, sieht der Höchste eure Geduld und reinigt euch von Sünden. Jede unverdiente Kränkung, jeder böse Leumund oder eine andere Ungerechtigkeit macht euch, wenn ihr sie geduldig ertragt, größer vor dem Namen des Höchsten.

7. Unsere Sitten und Bräuche entstanden in Jahrtausenden. Deswegen stehen sie dem Islam nah. Wir sollen sie heilig halten und niemals und unter keinen Umständen auf-geben. Die Ehrung der Frau wie eine Heilige, die Ehrung der Alten, die Achtung der Fami-lie, die besondere Beachtung eines Gastes, die gegenseitige Hilfe und gemeinsame Arbeit, das Einssein in Leid und Freud, die Fähig-keit zu Barmherzigkeit und Nachgiebigkeit – das alles eint uns und bewahrt unsere Ehre. Mit denen, die das angreifen, müssen wir kämpfen bis zum letzten Tschetschenen.

8. Streitet nicht mit der Macht, seid nicht bemüht, sie durch euch zu ersetzen. Alle Macht ist von Gott. Allah weiß besser, welche Macht er wo und mit welchem Ziel errichtet...

9. Das irdische Leben ist wie salziges Wasser, mit jedem Schluck vergrößert sich dein Durst. Findet Ruhe im Tariqat. Eine besonnene Seele, die zum Höchsten strebt – das ist ewige Freude und Glück.

10. Macht eure Herzen rein, damit der Prophet und die Lehrer frei eintreten können und durch sie – der Allerhöchste. Gelehrtheit und Bildung bedeuten nichts, wenn die Herzen nicht rein sind, wenn die Herzen nicht glühen in der Liebe zum allerhöchsten Schöpfer.

11. Tragt die Turbane nicht des Ruhmes wegen und damit man sie sieht, sondern als Zeichen der Liebe zu Allah, dem Höchsten. Habt keine Eile beim Wickeln des Turbans. Umwickelt zuerst euer Herz. Ein Heiliger schämt sich seiner Heiligkeit. Niedrig Denkende hüllen sich in schöne Kleider, lassen sich lange Bärte wachsen, bemühen sich, anders zu scheinen, als sie sind. Sie sind Heuchler und werden im Koran die schlimmsten Sünder genannt.

12. Liebt die Tiere, die neben euch und um euch sind. Umsorgt sie ausreichend und rechtzeitig. Kühe, Schafe, Pferde, Hunde und Katzen haben keine Sprache, um ihre Bedürfnisse mitzuteilen. Wir selbst müssen sie verstehen.

13. Die Beziehung zu den Tieren soll aufmerksamer sein als zu den Menschen. Haben sie sich in den Gemüsegarten verirrt, sollen sie nicht geschlagen oder verflucht werden. Man soll sie sanft heraustreiben, so als hätte sich aus Versehen ein Mensch hinein verirrt. Tiere quälen oder sich an ihnen auslassen ist eine schwere Sünde. Es ist sündhaft, unschuldige Vögel zu töten oder Insekten. Alles Lebendige, was dem Menschen keinen Schaden tut, muss beschützt werden von den Muriden.

14. Auch alle Gewächse sind lebendig und haben eine Seele. Das Beil soll eingepackt sein, gehst du in den Wald, und fällen sollst du nur den dafür bestimmten Busch oder Baum. Man muss sich achtsam verhalten gegenüber jedem Baum, jedem Busch, jedem Grashalm. Man soll sie lieben und sich zu ihnen verhalten wie zu guten Freunden. Es ist eine große Sünde, einen Frucht tragenden Baum zu fällen, einen Baum am Fluss oder an einem Weg, der dem Wanderer Schatten spendet. Die Muriden sollen überall Bäume pflanzen und sich um sie kümmern, bis sie von selbst wachsen.

15. Das Wasser – ist das Heiligste, was der Allerhöchste schuf. In einer Quelle oder einem Fluss darf keine Wäsche oder Schmutziges gewaschen werden, darf nicht gebadet werden, um sich zu reinigen. Dafür soll Wasser entnommen werden, um sich ein Stück weiter von der Quelle oder dem Fluss zu waschen. Es darf kein Müll in das Wasser geworfen werden; ohne dringende Notwendigkeit darf ein Flussbett nicht verlegt werden, weil dabei alles Lebende darin umkommt.